Blog

Mittwoch, 24 März 2021 10:00

„Durch den Wolf gedreht“ – Warum Schlaf bei ME/CFS nicht erholsam ist

geschrieben von
Artikel bewerten
(0 Stimmen)

Wir alle haben sicher schon einmal den berühmten Satz „Schlaf dich doch einfach mal wieder richtig aus.“ gehört. Doch bei ME/CFS ist das gar nicht so einfach.

 

„Schlafstörungen sind unter ME/CFS-Patienten sehr verbreitet und schwerwiegend. Oft kommt es zu Durchschlafstörungen. Der Schlaf ist leicht und nicht erholsam. Erkrankte wachen wie gerädert auf. Auch ein gekippter Tag/Nachtrhythmus wird oft beobachtet.“ (Quelle: https://www.mecfs.de/was-ist-me-cfs/)

„Obwohl Menschen mit CFS oft sehr, sehr müde sind, leiden sie an Schlafstörungen. Sie schlafen schlecht ein, wachen nachts oder sehr früh morgens auf. Sie schlafen lange und viel, fühlen sich tagsüber aber dennoch wie gerädert.“ (Quelle: https://www.apotheken-umschau.de/Nerven/Symptome-und-Diagnose-Wie-erkennt-man-CFS--ME-413777_2.html)

 

Um es zu vergleichen, werfen wir einen Blick auf das Schlafverhalten eines gesunden Menschen:

  • „Einen guten Schlaf hat, wer leicht einschläft, während der Nacht nicht wieder ganz wach wird, nicht zu früh aufwacht und sich morgens erholt fühlt.“ (Quelle: Gesundheitsinformation)

Und da fängt es schon an. In unseren Umfragen hat die Hälfte der Befragten Probleme beim Einschlafen, die andere Hälfte Probleme beim Durchschlafen. Viele Betroffene klagen auch über beide Beschwerden. 50% der Befragten haben einen verschobenen Tag-/Nachtrhythmus.

  • „Aus vielen Untersuchungen geht hervor, dass die meisten Menschen sieben bis acht Stunden Schlaf brauchen. Als Faustregel gilt: Wer tagsüber auch bei längerer Tätigkeit im Sitzen konzentriert arbeiten kann, ohne schläfrig zu werden, hat sein persönliches Schlafpensum gefunden.“ (Quelle: TK)

Unsere Umfrage zur Schlafdauer ergab folgendes Ergebnis:

 

 

 Damit liegen die meisten der Befragten im Durchschnitt. Dennoch ist der Schlaf für 90% nicht erholsam.

 

 

 

Denn Betroffene fühlen sich nach dem Erwachen oft:

  • Krank
  • Steif
  • Müde
  • Kaputt
  • Verkatert
  • Wie vom Auto/LKW/Zug überrollt
  • Gerädert
  • Geschreddert
  • Erschlagen
  • Wie eine Leiche
  • Durch den Wolf gedreht

 

Doch warum ist der Schlaf bei ME/CFS-Erkrankten nicht erholsam?

Da unser Nervensystem unglaublich komplex ist, versuchen wir es mit unseren eigenen Worten zu erklären:

Es gibt den Sympathikus (verantwortlich für Aktivität) und den Parasympathikus (verantwortlich für Ruhe und Regeneration). Bei gesunden Menschen arbeitet dieses System in einem Gleichgewicht. Bei ME/CFS-Patienten ist es allerdings so, dass der Sympathikus dauerhaft arbeitet und der Parasympathikus gar nicht zum Zug kommt.

Unser Nervensystem, wir nennen es einfach „Bio-Roboter“, hat sich durch ein einschneidendes Erlebnis (Virus, Krankheit, Trauma, Belastung) aufgehängt. Die Flexibilität des Nervensystems, das Hoch- und Runterfahren, ist massiv irritiert und zum Teil kaputt. Der Regulationsmechanismus, das Hand-in-Hand-Arbeiten, zwischen Anspannung und Entspannung (also die Stressregulation) des „Bio-Roboters“ dreht die ganze Zeit „am Rad“ und der Stoffwechselvorgang zwischen Abgeben und Aufnehmen, Entgiften und Nähren, funktioniert nicht wie bei gesunden Menschen.

Die Störung des Regulationssystems wird auch in folgendem Artikel noch einmal gut erklärt: https://www.dw.com/de/chronisches-fatigue-syndrom-die-maximale-ersch%C3%B6pfung/a-52650545

 

Ist Mittagsschlaf zu empfehlen?

Wie oben schon erwähnt, leiden viele Betroffene unter einem verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus bzw. müssen sich auch tagsüber ausruhen oder sogar schlafen. Doch ist das überhaupt zu empfehlen?

„Die Förderung der Schlafhygiene ist bei allen Patienten ein wichtiges Element der Therapie. Insbesondere sind die Patienten darauf hinzuweisen, dass mit vermehrtem Schlafen und Napping tagsüber nicht eine Verbesserung der Symptomatik zu erwarten ist, da dadurch der zirkadiane Rhythmus nur noch mehr gestört wird. Patienten werden angehalten, tagsüber nicht länger als 30 Minuten zu schlafen und diese Schlafzeiten schrittweise zu reduzieren.“ (Quelle: https://www.paediatrieschweiz.ch/chronic-fatigue-syndrome-bei-kindern-und-jugendlichen-mehr-als-nur-muedigkeit/)

Dennoch sollte jeder für sich selbst entscheiden, welchen Weg er geht. Hört auf euren Körper und tut das, was euch guttut.

 

Bewusst ohne Hilfsmittel

Bei länger anhaltenden Schlafstörungen wird oft zu pflanzlichen Schlafmitteln oder auch Medikamenten gegriffen. Es gibt aber auch einige Patienten, die für sich dafür entschieden haben, keine Mittel mehr zu nehmen und sich ganz bewusst mit dem Thema auseinanderzusetzen. Denn oft wirken gewisse Medikamente bei ME/CFS Erkrankten nur bedingt oder für kurze Zeit. Manchmal verschlechtern sie auch den Zustand. Viele hoffen, durch Schlaf Erholung und Energie zu bekommen. Und sie wollen was tun. Handlungsfähig sein. Jeder Mensch will etwas bewirken und erleben können, damit er Kraft hat. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Menschen manchmal positiv motiviert sind und dies so über ihr Bewusstsein und über solch eine Entscheidung ausprobieren können. Sie lernen so, ihren Entscheidungen zu vertrauen und ihrer eigenen Kraft. Etwas bewusst zu erleben kann unglaublich unterstützend sein und ein klarer Geist ist Gold wert. Es geht darum, dem Ganzen offen und wach zu begegnen. Sich selbst den Druck zu nehmen, die Schlaflosigkeit zu akzeptieren und sich von dem Gedanken „schlafen zu müssen“ zu befreien. Betroffene berichten, dass es ihnen durch diese „Unabhängigkeit“ besser geht. Auch eine feste Routine (Schlafhygiene) kann dabei helfen. Aber das muss jeder für sich selbst ausprobieren, denn leider gibt es kein Patentrezept für alle.

 

Bild: Claudia

Gelesen 1215 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 25 März 2021 09:59
Mehr in dieser Kategorie: Hilfen beim Ein- und Durchschlafen »
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten